Archiv für den Autor: sophie

Aufsichtspflichtsverletzung während der Hortbetreuung? Hort Hermann Löns in Lüneburg in der Kritik

„Als ich nach Hause kam, war mein Kind schon da“, erzählt die alleinerziehende Mutter eines achtjährigen Jungen. Ihr Sohn ist eines der über siebzig Kinder, die nach der Grundschule in den Räumen des Hort-Hermann-Löns betreut werden. Seit einigen Wochen läuft der Drittklässler seinen kurzen Schulweg hin und wieder alleine. Mal ist es ein kurzer Anruf durch einen Elternteil im Hort, mal ein von der Mutter unterschriebener Zettel, den der Junge im Hort abgibt, damit er seinen Weg alleine antreten darf. „Es gab da noch nie Probleme, mein Sohn ist sehr zuverlässig,“ so die Mutter.

An jenem Montag hatte der achtjährige Ole (Name durch die Redaktion geändert) wieder einen unterschriebenen Zettel mitbekommen, mit dem Hinweis für die Erzieher, ihren Sohn nach dem Mittagessen und den Hausaufgaben nach Hause zu schicken. Für die Mutter bedeutete dies, dass ihr Sohn frühestens ab 14 Uhr zu Hause sein würde. Ole würde ab 13 Uhr essen würde, anschließend in der Regel 45 Minuten bei den Hausaufgaben sitzen. Um 14:45 Uhr war die Hausaufgabenzeit vorbei und es war in der Vergangenheit häufig vorgekommen, dass er erst um diese Zeit fertig wurde. Zeit genug von daher, wenn die studierende Mutter ein Seminar bis 13:45 Uhr besuchte und um 14:00 Uhr zu Hause sein würde.

Doch als sie nach Hause kam, war ihr Kind bereits da. „Ich hatte ihm einen Schlüssel mitgegeben, für den Notfall.“ Dieser war an diesem Tag eingetreten. „Ein Notfall, der keiner gewesen wäre, wenn mich ein Erzieher informiert hätte,“ so die Mutter.

Im Hort konnte an diesem Tag keine Hausaufgabenbetreuung angeboten werden, da es zu wenig Erzieher gab, die die Aufsicht gewährleisten konnten. Bereits in der Vergangenheit war es vermehrt während Krankheitszeiten, vor allem im Frühjahr und im Herbst, zu Personalengpässen gekommen. Vereinzelt waren nur noch zwei bis drei Erzieher für die Betreuung von über 60 Hortkindern vor Ort gewesen. Inzwischen war der Hort expansiert. Die Elternvertretung hatte dies im Anbetracht der Probleme in der Vergangenheit scharf kritisiert. Auch Oberbürgermeister Mädge schrieb in einem Schreiben an die Elternvertretung im März 2014: „Als Kommune können wir leider nicht beeinflussen, für die freien Stellen auch das entsprechende Personal zu finden.“ Trotz der Kritik wurde die Kinderanzahl im Hort-Hermann-Löns erhöht. Dass zum wiederholten Mal auf Grund von Personalmangel Gruppen im Hort geschlossen werden müssen, ist daher nicht verwunderlich.

Die Kinder waren angehalten auf Grund der Personalsituation, nach der Betreuungszeit ihre Hausaufgaben zu Hause zu erledigen.

Ole war an diesem Tag direkt nach dem Mittagessen nach Hause geschickt worden. Dies geschah ohne Rücksprache mit der Mutter. Hätte die Mutter nicht in dem Maße vorausschauend gehandelt, hätte der Junge vermutlich auf der Treppe im Regen warten müssen. Liegt hier eine Aufsichtspflichtsverletzung vor?

Die rechtliche Grundlage für die Aufsichtspflicht ist im Bürgerlichen Gesetzbuch § 1631 geregelt. Diese liegt zunächst bei den Eltern und kann durch einen Betreuungsvertrag auf den Kindergarten oder den Hort übertragen werden. So auch im vorliegenden Fall. Seit nun zwei Jahren besucht der achtjährige den Hort-Hermann-Löns. Die Aufsichtspflicht fängt nach der Schulzeit an und endet entweder bei Schließung der Einrichtung, oder bei Abholung des Kindes. Alternativ kann nach Absprache der Eltern mit der Einrichtung das Kind seinen Heimweg alleine antreten. Die Verantwortung liegt dann ab Verlassen der Kindertageseinrichtung bei den Eltern.

Der Mutter zu Folge, hatte ihr Sohn nicht die Erlaubnis so früh nach Hause zu kommen. Sie wirft den Erziehern verantwortungsloses Handeln vor. Eine Erzieherin dazu: „Nach den Hausaufgaben, das kann auch bedeuten: direkt nach dem Mittagessen, wenn es mal keine Hausaufgaben gibt.“ Den Wunsch der Mutter, dass in einem solchen außergewöhnlichen Fall wie an jenem Tag die Eltern kontaktiert werden, kann sie nicht stattgeben. „Ich habe Ole gefragt, was wohl seine Mutter sagen würde, und er sagte, er könne auch gleich nach Hause gehen,“ verteidigt sich die Erzieherin.

Da die Mutter keine Uhrzeit angegeben hatte, wann er los laufen durfte, ist nicht zweifelsfrei zu klären, ob der Hort sich hier einer Aufsichtspflichtsverletzung schuldig machte.

Doch im vorliegenden Fall geht es den Eltern nicht vordergründig um die Rechtslage. Die Verantwortung für eine solche Entscheidung nach Hause zu gehen oder noch eine Stunde zu warten, darf Grundschulkindern nicht übertragen werden. Weiterhin ist die Aufgabe eines Erziehers nicht nur die Arbeit mit den Kindern. Auch die Kommunikation mit den Eltern ist ein wichtiger Aspekt der täglichen Arbeit. Sei es durch Überforderung, sei es durch Nachlässigkeit: an Kommunikation und der Bereitschaft so zu handeln, dass das Wohl der Kinder gewährleistet wird, scheint es hier erheblich zu mangeln.